Gemeinsam Geschichte erleben – Erasmus+-Austausch in Beroun & Prag
Wie prägt die Geschichte eines Landes seine Gegenwart? Und was können wir aus den Erfahrungen vergangener Generationen für die Zukunft lernen? Mit diesen Fragen im Gepäck machte sich eine Gruppe von zehn Schülerinnen und Schülern aus den 11., 12. und 13. Klassen am 11. Oktober auf den Weg nach Böhmen – begleitet von Frau Stroka, Herrn Eichenseer und Herrn Weichselbraun. Im Rahmen einer Erasmus+-Mobilität besuchten wir die Wirtschaftsakademie (Obchodní akademie) in Beroun und die Hauptstadt Prag. Unterstützt wird die Schulpartnerschaft auch vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds.
Im Mittelpunkt der Begegnung stand die gemeinsame Auseinandersetzung mit der tschechischen Geschichte, insbesondere mit den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. Die Erkenntnisse aus Exkursionen, Museumsbesuchen und Recherchen in Archiven und Bibliotheken sowie die Ergebnisse des Projektunterrichts bilden zugleich die Grundlage für Präsentationen, die die Schülerinnen und Schüler im Fach Geschichte/Politik und Gesellschaft vorstellen werden.
Unter dem Jahresmotto „Generationen des 21. Jahrhunderts“ arbeiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in deutsch-tschechischen Projektgruppen zusammen, recherchierten intensiv und diskutierten ihre Ergebnisse im Plenum. Eine zentrale Rolle spielten dabei die Erlebnisse der verschiedenen Generationen, ihre Einstellungen, Vorlieben, Wünsche, Ängste, Hoffnungen und Verhaltensweisen. Die Themen reichten von der Geschichte der Sudetendeutschen über die Sowjetisierung der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Prager Frühling von 1968 und Václav Havel als einer der prägenden Persönlichkeiten der Samtenen Revolution von 1989. So wurde Geschichte nicht nur zum Unterrichtsthema, sondern auch zum Anlass, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Am Montagnachmittag führte uns ein Rundgang durch Beroun in die Geschichte der traditionsreichen Königsstadt. Zwischen historischen Gebäuden und verwinkelten Gassen erfuhren wir mehr über die Entwicklung der Stadt, die im Mittelalter von deutschen Siedlern gegründet wurde. Die Vergangenheit wurde dabei ganz unmittelbar vor Ort greifbar.
Nach intensiver Projektarbeit kam am Dienstag auch die gemeinsame Freizeit nicht zu kurz: Beim Minigolf und einem anschließenden Abendessen konnten sich die deutschen und tschechischen Jugendlichen besser kennenlernen und Kontakte vertiefen. Für einen besonderen musikalischen Höhepunkt sorgte im Anschluss ein Konzert mit Marta Töpferová und dem Ensemble Bona Fide Tango im Kulturhaus von Beroun. Mit den leidenschaftlichen Rhythmen des argentinischen Tangos und mitreißenden Tanzeinlagen verwandelten die Musikerinnen und Musiker den Abend in ein eindrucksvolles Kulturerlebnis.
Am Mittwoch stand die Begegnung mit der Zeitgeschichte im Mittelpunkt. Die Schülerinnen und Schüler erstellten zunächst gemeinsam Umfragebögen zum Jahresmotto und befragten anschließend Menschen in Beroun. Nach deren Auswertung werden die Ergebnisse aus Tschechien und Bayern verglichen und präsentiert. Am späteren Vormittag nahm uns Zeitzeugin Olga Hendrichová mit in ihre Erinnerungen an den Prager Frühling und die Samtene Revolution. Persönliche Erlebnisse eröffneten dabei einen Zugang zu historischen Ereignissen, der über bloße Daten und Fakten hinausgeht. Am Nachmittag wechselten wir erneut die Perspektive: Im Stadtarchiv Beroun erhielten wir eine hochinteressante Präsentation über die unmittelbare Nachkriegszeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Besonders die zahlreichen Originaldokumente machten deutlich, wie wertvoll historische Quellen für das Verständnis der Vergangenheit sind.
Ein weiterer Höhepunkt erwartete uns am Donnerstag mit dem Besuch des Schlosses Lány. Das Barockschloss wurde 1921 zur Sommerresidenz des ersten Präsidenten der 1918 gegründeten demokratischen Tschechoslowakischen Republik, Tomáš Masaryk, und dient bis heute als Sommersitz der tschechischen Präsidenten. Bei einer Führung erkundeten wir die historischen Räume und erfuhren von einer Begegnung, die weit über die tschechische Geschichte hinaus Bedeutung erlangte: Im Februar 1990 empfing Václav Havel hier den Dalai Lama. Dieses erste Treffen legte den Grundstein für eine langjährige Freundschaft, die beide durch ihren Einsatz für Menschenrechte, Freiheit und Demokratie verband.
Am späten Nachmittag ging es nach Prag, wo wir am Freitagvormittag gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern aus Beroun die tschechische Hauptstadt bei einer Stadtführung erkundeten. Dabei begegneten uns viele Spuren einer Zeit, in der Europa durch politische Gegensätze und Grenzen geteilt war. Der Nachmittag bot Gelegenheit, eigenen Forschungsfragen nachzugehen, weitere Eindrücke zu sammeln und die Stadt auf eigene Faust zu entdecken.
Wie sich die kommunistische Herrschaft auf Gesellschaft und Alltag auswirkte, konnten wir am Samstag im Museum des Kommunismus vertiefend nachvollziehen. Ergänzend dazu nutzten wir die Universitäts- und Stadtbibliothek für weitere Recherchen. Damit schloss sich der Kreis zwischen gemeinsamer Projektarbeit, geschichtsträchtigen Orten und der eigenständigen Auseinandersetzung mit historischen Quellen.
Am Ende einer ereignisreichen Woche kehrten wir am Sonntagnachmittag, 18. Oktober, mit vielen neuen Erkenntnissen, vielfältigen Eindrücken und wertvollen Begegnungen nach Hause zurück.
Ein herzlicher Dank gilt Frau Mgr. Simona Baštová von der Obchodní akademie Beroun, die den diesjährigen Schüleraustausch mitorganisierte und den Projektunterricht moderierte. Ebenso bedanken wir uns beim Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, der die Busfahrten und Führungen in Tschechien finanziert hat. Der Großteil der übrigen Kosten wurde durch das Erasmus+-Programm gedeckt.
Hinweis: Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung tragen allein die Verfasser. Die Europäische Kommission und der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds haften nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.
Die Begleitlehrkräfte R. Stroka, M. Eichenseer, A. Weichselbraun





















